Philosophisch-ethische Aspekte

Was sind Wesen und Ziel der Synthetischen Biologie? Was bedeutet das für unser Verständnis von Leben und Natur? Welche Grenzen sollte sich die Synthetische Biologie aus ethischen Gründen geben?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich Technikphilosophen, Wissenschaftstheoretiker und Ethiker. Sie versuchen Konzepte zu hinterfragen und Deutungsmuster herauszuarbeiten und liefern so wertvolle Beiträge vor allem für eine ethische Debatte. Verschiedene Konzepte oder Denkstile äußern sich in unterschiedlichen Begriffen und Ideen, die in gesellschaftlichen Debatten miteinander konkurrieren. Das junge Feld der Synthetischen Biologie hat frühzeitig eine Reihe von Wissenschaftlern bewegt, ethische und philosophische Reflexionen zu den Forschungsansätzen und deren Implikationen anzustellen. Nur einige Aspekte können in diesem Text beleuchtet werden.

Von der Analyse zur Synthese

Erkenntnisgewinn kann zwei Ansätzen folgen: einem analytischen oder einem synthetischen. Bei der Analyse geht es darum, Komplexes in seine Einzelteile zu zerlegen, während bei der Synthese aus den Einzelteilen wiederum ein neues Ganzes konstruiert wird. Die Chemie und Physik sind bereits konstruierende Naturwissenschaften. Mit der Synthetischen Biologie setzt nun auch ein Zweig der Biologie an, sich von der beobachtenden zur herstellenden Wissenschaft zu wandeln. Manche Beobachter sprechen sogar von einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel in den Biowissenschaften, der den Menschen in die Lage versetzt, aus unbelebter Materie Leben zu schaffen. Dabei müssen die Wissenschaftler, die dem neuen Paradigma folgen, berücksichtigen, dass die ingenieurswissenschaftliche Ausrichtung und der Anspruch, Leben herzustellen, kulturell tief verwurzelte und normativ aufgeladenen Unterscheidungen berührt: von Lebendigem und Nicht-Lebendigem, von organischer und anorganischer Materie, von natürlichen oder künstlichen Organismen.

Der Begriff des Lebens

Im Fokus der philosophisch-ethischen Debatte steht zunächst das Verständnis des Begriffs ‚Leben‘. Je nach Kontext ist der Lebensbegriff äußerst vielschichtig und mit verschiedenen Intentionen behaftet.

Da ist zum einen ein Verständnis, das Leben mit einem analytischen Blick als eine Kombination von dafür notwendigen Funktionen betrachtet. Dadurch, so die Hoffnung, schaffen sie Wissen, mit dem eine Synthese von Elementen von Lebewesen und vielleicht sogar von einfachen Organismen ermöglicht wird (siehe „Was ist Leben?“).

Zum anderen gibt es einen Lebensbegriff, der eher in philosophisch-theologischer Tradition steht und aus einer sinnverstehenden Perspektive auf das Leben blickt. Hier geht es weniger um die Beschreibung, was Leben ist, sondern vielmehr um die Frage, warum es Leben gibt. Das Verständnis von Leben und auch von Natur hat in der Geschichte der Philosophie viele Wandlungen durchgemacht, viele große Philosophen haben sich damit beschäftigt – von Aristoteles über Descartes bis Kant. Wie Max Scheler in seiner Abhandlung ‚Versuche einer Philosophie des Lebens‘ argumentiert, führe jedes Fragen nach dem Leben aus einer deskriptiven in eine normative, also in eine wertende Perspektive, wie etwas sein soll. Gerald Hartung schreibt dazu (Hartung 2015), der Grund dafür liege darin, dass wir als Menschen nach einer angemessenen Beschreibung des Lebens suchen und darüber hinaus, weil wir nicht nur explanans (Forschender), sondern auch explanandum (Forschungsgegenstand) sind, uns nicht in einer neutralen Beobachterperspektive befinden, sondern involviert sind. Wer nach dem Leben fragt, frage nach der Stellung des Menschen im Leben so Hartung.

Philosophen des 20. Jahrhunderts wie Hans Jonas, Helmuth Plessner und Gerald Hartung versuchen die naturwissenschaftliche und die geisteswissenschaftliche Perspektive auf das Leben zu integrieren. So liefern die Lebenswissenschaften Helmuth Plessner zufolge Merkmale für eine Bestimmung des Lebens. Die philosophische Reflexion geht auf dieser Grundlage dann der Frage nach, was in der Beschreibung empirischer Datensätze, die Begriffe wie Selbstbewegung, Selbsterhaltung und Selbstorganisation verwendet, das zur Sprache kommende ‚Selbst‘ ist.

Hartung zufolge gibt es auf die Frage, in welcher Weise und zu welchem Zweck wir den Begriff des Lebens im alltäglichen Sprachgebrauch und in den Wissenschaftssprachen verwenden (sollten), nur eine Antwort, die so doppeldeutig ist wie der Lebensbegriff selbst. Einerseits sieht er die Notwendigkeit, die sinnverstehenden Perspektive in die beschreibende Sprache der Wissenschaften zu integrieren, damit klar werde: Immer wenn es um das Leben geht, sind wir Teil des Zusammenhangs. Andererseits müsse die Reflexion über das Leben mit den objektiven Erkenntnissen der Wissenschaften über das Leben verknüpft werden. Wenn Hartung fordert, die naturwissenschaftliche und die geisteswissenschaftliche Perspektive auf das Leben zusammenzuführen, geht es ihm nicht nur um einen Erkenntnisgewinn, sondern um die Praxis: „Wie wir Menschen uns „im Horizont des Lebens“ verstehen und welche Konsequenzen wir daraus für unseren Alltag (als ethisch Handelnde, als Konsumenten), in der Politik (als Entscheider über Anfang und Ende des Lebens, über den Schutz des Lebens) und in der Wissenschaft (als Forscherinnen und Forscher an den Grenzen des natürlichen und künstlichen Lebens) ziehen, das wird entscheidend sein für unsere Zukunftsfähigkeit als Menschen.“

Ähnlich mehrdeutig wie der Begriff des Lebens sind Zuschreibungen, was natürlich und was synthetisch ist.

Im teleologischen Naturbild, das auf Aristoteles zurückgeht, gilt als natürlich, was ein Streben, eine Zweckbestimmung in sich trägt, zum Beispiel, wie es Joachim Schummer im Juli 2018 bei MaxSynBio im Dialog in Magdeburg ausführte, zur Selbsterhaltung, zur Abgrenzung von der Umgebung, zum Wachsen, zur Vermehrung oder zur Vervollkommnung.

Der dynamische Naturbegriff, der in der Tradition von Galilei und Kant steht, definiert als natürlich, was den Naturgesetzen gehorcht. Joachim Schummer betont, dass damit alles, was physikalisch möglich ist und technisch machbar ist, natürlich ist. Und weiter: „Wenn Lebewesen herstellbar sind, dann wären sie natürlich.“ Demnach ist der Gegenbegriff zu natürlich nicht künstlich, sondern übernatürlich.

Hinzu kommt der statische Naturbegriff, der nach Schummer alles als Natur betrachtet, was nicht vom Menschen gemacht ist.

Peter Dabrock sprach auf einer Diskussionsveranstaltung, die der deutschen Ethikrat im Februar 2017 gemeinsam mit der nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Berlin ausrichtete, zudem von einem lebensweltlichen Verständnis von Natur, das mit einer Wertung einhergeht: Begriffe wie Natur, organisch oder lebendig haben einen positiven Klang und genießen allgemein eine hohe Wertschätzung. Das Natürliche wird dem Künstlichen vorgezogen, gilt als das Gute, Ursprüngliche. Das Künstliche steht hingegen im Verdacht der Manipulation. Die Technisierung der Natur wird abgelehnt. Dieter Birnbacher spricht daher von einem „Alltagsbonus des Natürlichen“.

Aus philosophischer Sicht sei der moralische Alltagsbonus der Natürlichkeit kritisch zu betrachten. Natürlichkeit tauge nicht als Richtschnur für moralische Bewertungen. Das liegt auch daran, dass man Natürliches nicht von Künstlichem trennen kann. Ist denn nicht der Mensch Teil der Natur, und damit auch alles vom Menschen Geschaffene, fragte sich etwa der britische Philosoph Bertrand Russell. Mit der Züchtung greift der Mensch seit Jahrtausenden in das Erbgut von Tieren und Pflanzen, und damit in die Natur ein. Natur und Technik oder auch Kultur sind keine Gegensätze, sie bedingen einander.

Die unterschiedlichen Verständnisse von Leben und Natürlichkeit ringen, wie Peter Dabrock 2017 in Berlin erläuterte, um ihre Deutungshoheit in einer Gesellschaft. Sie müssten miteinander in ein Gespräch gebracht werden, um im Sinne von verantwortungsvoller Forschung und Innovation eine Gesetzeslage auf den Weg zu bringen.

Unterschiedliche Wertvorstellungen

In der Debatte um den Lebensbegriff können zwei Grundintentionen als Pole bezeichnet werden, die von Autoren als „Biokonservatismus“ und der „Bioliberalismus“ bezeichnet wurden (Achatz et al. 2012).

Die Vertreter des Biokonservatismus lehnen den Wandel zum bastelnden Biologen rundherum ab, das Natürliche wird quasi als heilig erachtet, die Erhaltung der Natur wird als moralische Pflicht angesehen. Die Vertreter befürchten einen molekularbiologisch verengten Lebensbegriff oder eine auf technische Gestaltung und Nutzbarkeit eingeschränkte Perspektive auf Leben. Ein Beispiel für diese Position wird von der Nichtregierungsorganisation ETC Group vertreten. Sie bezeichnete im Jahr 2007 bereits die Synthetische Biologie als „extreme Gentechnik“, eine Bedrohung, deren Erfolge nur wenigen zu Gute kämen und deren Gefahrenpotenzial für zukünftige Gesellschaften nicht abzusehen sind.

Die Vertreter des Bioliberalismus befürworten den Trend zum konstruierenden Bioingenieur vollumfänglich. Sie sehen den Menschen vielmehr in der moralischen Pflicht, Intelligenz und Wissen zu nutzen, um einen technologischen Fortschritt in biologischen Systemen zu erreichen. Einer der markantesten Vertreter dieser Haltung ist Craig Venter, der 2010 bei der Vorstellung von Zellen mit einem synthetischen Genom davon sprach, Bioingenieure wollten wie Programmierer die „Software des Lebens“ umschreiben und in der Zelle aktivieren. Wie Achatz und seine Kollegen ausführen, lassen sich zwischen den beiden Polen – bioliberal und biokonservativ – die Haltungen der verschiedenen Interessengruppen einordnen. Die beiden Positionen lassen sich nicht miteinander in Deckung bringen, aber beide „generieren vernünftige Forderungen“. Zwischen den beiden Polen finden sich zudem verschiedene Antworten auf die Frage, was Leben und Natur sind.

Bedeutung von Metaphern für den Dialog

Mit der Synthetischen Biologie hat in den Life Sciences ein neuer Denkstil Einzug gehalten: Der Biologe als Ingenieur. Damit einher geht immer auch das sogenannte „Framing“ – also die sprachliche Prägung und die Darstellung eines Forschungsfeldes.

Der ingenieurswissenschaftliche Blick auf Lebewesen hat viele Akteure dazu motiviert, Metaphern aus der Mechanik zu verwenden. Organismen funktionieren demnach wie Maschinen. Maschinen-Analogien in der Biologie haben Philosophen immer wieder beschäftigt, wie Kristian Köchy in einem Fachartikel ausführt (Köchy 2012). Solche technomorphen Deutungen von Lebensprozessen ermöglichen seiner Ansicht nach modelltheoretisch bedeutsame Erklärungen. Eine simple Gleichsetzung von Organismus und Maschine greife jedoch konzeptionell oft zu kurz, weil es zum Beispiel die Selbstorganisationsprozesse lebender Systeme ausblende.

Bereits früh in der Debatte wurden Metaphern wie „lebende Maschine (living machine)“ und „künstliche Zelle (artifical cell)“ kritisiert: die „Artifizialisierung des Natürlichen“ könne zu ernsthaft ethischen Problemen führen, da „sich der grundlegende Respekt gegenüber dem Lebendigen aufzuweichen beginnt“ (Boldt et. al. 2009). Eine ungenaue Redeweise und ein reduzierter Lebensbegriff könnte einen Wandel im Selbstbildnis des Menschen vom Homo faber, dem Techniker, hin zum Homo creator einläuten, der Lebewesen nach Bedarf aus dem Nichts produziere.

Einige Autoren und auch die Medien verwendeten die Metapher vom „Gott spielen (Playing God)“. Die meisten Akteure der Synthetischen Biologie finden das Bild vom „Schöpfer“ indes unzutreffend. Biologische Prozesse zu verstehen und nachzuahmen, ist für sie noch lange keine Schöpfung. Auch Dabrock, Ried und Braun haben herausgearbeitet, dass der Vorwurf „der Mensch spiele Gott“, wenn er mittels der Synthetischen Biologie Leben herstelle, theologisch nicht begründet werden kann. Solche Metaphern müssten vielmehr als Ausdruck für das vage Unbehagen der Gesellschaft für Neuerungen in der Biotechnologie interpretiert werden (Ried et. al. 2011).

Hier zeigt sich: die Begrifflichkeit und Konzepte spielen eine bedeutende Rolle in der Wahrnehmung der Synthetischen Biologie in der gesellschaftlichen Debatte. Die Synthetische Biologie steht stellvertretend für ethische Konflikte und Kontroversen, die durch die modernen Lebenswissenschaften und die Biotechnologie hervortreten. Diese können nicht endgültig aufgelöst werden, schon gar nicht im Sinne einer der vorgestellten Positionen. Die ethische Beurteilung und Einordnung der Synthetischen Biologie kann nur im Dialog der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften, Technikfolgenabschätzung und Ethik und unter Einbeziehung der Öffentlichkeit sowie aller betroffenen Akteure und Interessensgruppen erfolgen.

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Literatur – Auswahl:

K. Köchy: Philosophische Implikationen, in Synthetische Biologie. Entwicklung einer neuen Ingenieurbiologie? Themenband der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht, hrsg. von K. Köchy, A. Hümpel (Hrsg.), Dornburg 2012, S. 137 f.

J. Achatz, M. O’Malley, P. Kunzmann: Der Stand der ethischen Diskussion um Synthetische Biologie, in Synthetische Biologie. Entwicklung einer neuen Ingenieurbiologie? Themenband der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht, hrsg. von K. Köchy, A. Hümpel, Dornburg 2012, S. 165 f.

J. Boldt, O. Müller, G. Maio (Hrsg.): Leben schaffen? Philosophische und ethische Reflexionen zur Synthetischen Biologie, Paderborn 2012

G. Hartung: Über den Begriff des Lebens, in Grenzüberschreitungen – Synthetische Biologie im Dialog, hrsg. von Friedemann Voigt, Freiburg 2015

P. Dabrock, M. Bölker, M. Braun, J. Ried (Hrsg.) Was ist Leben – im Zeitalter seiner technischen Machbarkeit? Beiträge zur Ethik der Synthetischen Biologie, Freiburg 2011

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